Flugblatt erlaubt, E-Mail verboten: Sind uns 100.000 Tonnen Müll lieber als ein Klick?

Business & Economics
von Gerhard Petermeir
Veröffentlicht am: 23.06.2015 13:34, zuletzt aktualisiert am: 23.06.2015 13:48

Flugblatt erlaubt, E-Mail verboten: Sind uns 100.000 Tonnen Müll lieber als ein Klick?

Manchmal will ich Kleinigkeiten im Alltag einfach nicht verstehen, z.B. das Flugblatt und die E-Mail. Durch die EU-Datenschutzrichtlinie 2002 wurde im Artikel 13 der unaufgefordete E-Mail-Versand verboten. Aber das unaufgeforderte Post-Flugblatt darf jährlich über 100.000 Tonnen Müll erzeugen.

Zuerst aber zur Regelung selbst. Newsletter darf man nur mit der Zustimmung des Empfängers versenden. Das halte ich grundsätzlich auch für richtig. Man sollte beim Anmelden in einem Onlineshop oder Forum klar erkennen, ob man sich auch für einen Newsletter anmeldet oder nicht. Was ich aber für weniger richtig halte, ist, dass offline und online unterschiedliche Regeln gelten. Wieder mal, wie so oft in den letzten Jahren, hat man eigene Regeln nur für das Neuland Internet geschaffen und nicht begriffen, dass unerwünschte Post nunmal unerwünschte Post ist - egal ob online oder offline.

Flugblätter und Regionalzeitungen

In Österreich landet (ähnlich in Deutschland) das Flugblatt-Kuvert der Österreichischen Post zwei Mal pro Woche automatisch in jedem Postfach. Damit wir Bürger auch erfahren, welche tollen Angebote Billa, Spar & Co. gerade so für uns zusammengestellt haben. Zudem gibt es die Regionalzeitung - oder die politische Propagandazeitung, je nachdem - einfach in den Postkasten und oftmals auch noch doppelt vor die Haustüre. Bei uns sind das z.B. der Grazer, die Woche und BIG, das BürgerInnen-Information-Graz. In Wien gibt es z.B. die Wiener Bezirkszeitung.

100.000.000 Kg Flugblatt-Müll jährlich

Grundsätzlich ist es doch gut, gratis Informationen zu erhalten. Doch ist das Flugblatt eben nicht ganz so gratis, wie es scheint. Es geht auf Kosten der Umwelt. Die wöchentliche Regionalzeitung und das zentimeterdicke Flugblatt haben nämlich ganz schön Gewicht. Eine Anfrage bei der Post, wie viele Tonnen jährlich zusammenkommen, blieb mit den Worten "Diese Zahlen werden bei uns leider nicht ausgewiesen" leider erfolglos. Auch die Altstoff Recycling Austria (ARA) konnte mir nicht weiterhelfen. Immerhin habe ich erfahren, dass jährlich 600.000 Tonnen Papiermüll von der ARA im Jahr 2014 gesammelt wurden. 83,3 Tonnen davon sind Verpackungsmüll, die restlichen ca. 516.000 Tonnen also Tageszeitungen, Briefe und eben das Flugblatt-Kuvert.

Da meine Anfragen erfolglos blieben, muss ich schätzen. Das Flugblatt-Kuvert wird laut Post-Website zwei Mal pro Woche an ca. 3,2 Millionen Haushalte zugestellt. Das Jahr hat 52 Wochen. Das erste gemessene Flugblatt-Kuvert hatte bei mir ca. 300 Gramm, also 0,3 Kg. Da ergibt sich eine einfache Milchmädchenrechnung:

2 x 3.200.000 x 52 x 0,3 Kg = 99.840.000 Kg = 99.840 Tonnen

Knapp 100.000 Tonnen jährlich. Das sind weit über 16 % des gesamten Papiermülls, gemessen am ARA-Papiermüll (wohl gemerkt: letztes Jahr noch Monopolist, also größter Entsorger). Das ist 1/10 des gesamten ARA-Mülls. Die Tageszeitungen und Magazine machen dagegen ja eine Bagatelle aus, besonders wenn man bedenkt, dass diese absichtlich und willentlich abonniert bzw. gekauft werden. Das Flugblatt hingegen kommt einfach ungefragt.

Wer an der Berechnung zweifelt, sollte bedenken, dass die Post die Möglichkeit hatte, die Zahl selbst bekannt zu geben. Aber offensichtlich wird diese Zahl (mangels Interesse?) gar nicht ermittelt. Zum anderen sind die 300 Gramm je Flugblatt ohnehin niedrig angesetzt. Schließlich hat das heutige Flugblatt-Kuvert satte 454 Gramm! Das würde dann bis zu 150.000 Tonnen Gewicht im Jahr ergeben.

Auch bis zu 500 Gramm pro Ausgabe dürften üblich sein
Auch bis zu 500 Gramm pro Ausgabe dürften üblich sein

Dann wäre da noch der Energieaufwand für Transport, Auslieferung und Entsorgung. Und es gibt auch Menschen, die einfach keine Werbung erhalten möchten, weil sie - ähnlich wie beim unerwünschten Newsletter - diese als störend empfinden.

Opt-Out vs. Opt-In

Wer sich mit Verhaltenspsychologie oder Behavioral Finance beschäftigt, wird notgedrungen auf das Organspende-Paper Do Defaults Save Lives? stoßen. In Österreich sind nahezu 100 % aller Bürger Organspender. In Deutschland nur 12 %. Das liegt nicht daran, dass wir Österreicher so viel netter sind als die Kollegen im Nordwesten. Viel mehr liegt es an der Choice-Architecture. Jeder Österreicher muss sich per Opt-Out von der Organspende abmelden. Jeder Deutsche muss sich per Opt-In zur Organspende anmelden. Obwohl das Thema dermaßen wichtig ist, gehen dennoch wenige Deutsche aufs Amt. Und viele Österreicher, obwohl sie eigentlich nicht spenden möchten, scheuen ebenfalls den Gang zur Behörde.

Do Defaults Save Lives? (Source: E. J. Johnson/D. Goldstein)
Do Defaults Save Lives? (Source: E. J. Johnson/D. Goldstein)

Häkchen-Setzen ist also ein Aufwand, den wir nicht gerne auf uns nehmen wollen. Das gilt auch beim Flugblatt. Hier kann man zwar keine Leben retten, aber angesichts der 100.000 Tonnen Müll jährlich kann man wohl einen gewaltigen Teil für unsere eigene nachhaltige Zukunft beitragen. Dazu kommt noch, dass der Flugblatt-Opt-Out besonders kompliziert ist.

Einheitliche Regeln für alle

Natürlich kann man dem entgegenhalten, dass man sich ja mit dem Flugblattverzichter und einem Aufkleber Bitte keine unadressierte Werbung vor solcher Werbung schützen kann. Und auch ein ausgedrucktes Regionalzeitungsverbot sollte Wirkung zeigen (dürfte man meinen). Doch zum einen hat der Flugblattverzichter ein Ablaufdatum von 2 Jahren. Kaum war der Verzichter abgelaufen, lag auch schon das nächste Flugblatt im Postkasten. Zum anderen erhalte ich jede Woche den Grazer und die Woche sowohl einmal in mein Postfach als auch vor die Haustüre. Reklamation unwirksam.

Trotz Flugblattverzichter, keine Werbung & Co. landet noch Spam im Postkasten
Flugblattverzichter läuft eigentlich 2017 aus, Photoshop sei dank, hält dieser bis 2099

Wer mit dem berechtigten Interesse anfängt, dass der Einzelhandel ja seine Angebote verbreiten müsse, der muss mir erklären, warum ein Onlineshop weniger Interesse daran hat, allen registrierten Kunden automatisch einen Newsletter zukommen zu lassen. Abmeldung jederzeit möglich. Der Fall ist der gleiche, nur dass auf der einen Seite wenige Cent für Strom im digitalen Papierkorb landen und auf der anderen Seite abertausende Tonnen Papiermüll erzeugt werden.

Im Übrigen finde ich auf dem gesamten Flugblatt-Kuvert - im Gegensatz zu den meisten Newslettern - auch keinen einzigen Hinweis, wie ich mich davon abmelden kann. Hätte ich nicht selbst durch Mouth-to-mouth davon erfahren, hätte ich wohl nie darüber nachgedacht, mich abzumelden.

Einheitlich hätte eine Regel also ungefähr so lauten müssen: „Dem Empfang unadressierter Werbung hat der Empfänger vorher zuzustimmen oder seinen Willen zum Empfang eindeutig zu kennzeichnen.“ Egal ob online oder offline. Ob Post oder Newsletter. Von mir aus gibt es eine Übergangsfrist. Die Post darf auch einmal jährlich nachfragen, ob ich nicht doch das Flugblatt will (dann darf das aber auch der Onlineshop!). Meinetwegen fragt auch das Meldeamt beim Umzug nach. Aber wenn schon Opt-In, dann bitte für die umweltschädliche Müllproduktion namens Flugblatt und nicht nur für den Newsletter, der mit einem Klick gelöscht und mit zwei Klicks abgemeldet werden kann.

SPAM: liebe Politik, bitte versteht das Internet

Ja, aber der Spam. Das erklären Sie mir mal, Herr/Frau Politiker. Für mich ist sowohl das unerwünschte Flugblatt als auch die Gratiszeitung unerwünschter Spam, von dem ich mich nur kompliziert (oder gar nicht) abmelden kann. Und wenn mir jetzt jemand - sagen wir die Pizzara Spamicolli - trotz Anti-Werbung-Pickerl trotzdem noch ihr Flugblatt in den Postkasten wirft, kann ich herzlich wenig dagegen tun.

Auch online ist das genauso. Die tägliche, unerwünschte Viagrapost hat nichts mit einem normalen Newsletter zu tun. Spam hat nichts mit Werbung zu tun. Die E-Mail hat sogar den Vorteil, dass unerwünschte Nachrichten sogar großteils im Spam-Ordner des E-Mail-Programms landen. Zudem wird der illegale Spammer wegen einem zusätzlichen Gesetz nicht plötzlich aufhören, Illegales zu tun.

Solch einseitige Gesetze führen auf der anderen Seite aber zu fragwürdigen Richterentscheidungen und machen das Leben von so manchem Unternehmer besonders schwer. So hat ein Gericht in Deutschland gerade einen komplizierten Double-Opt-In für die Anmelde-E-Mail (da diese unerwünschte Werbung sei!) zur Norm erklärt. Und allgemein wird um unerwünschten E-Mail-Versand gestritten, als ob die Welt unterginge. Doch beim Flugblatt werden beide Augen zugedrückt.

Anmerkung: Wenn jemand systematisch Anmelde-E-Mails ohne tatsächlicher Anmeldung  aussendet, soll er bestraft werden. Wird aber einmal eine E-Mail-Adresse falsch eingegeben, muss dies das Postfach genauso gut aushalten, wie mein Postkasten es aushalten muss, wenn doch einmal Werbung darin landet.

Wenn ihr - liebe Politiker - also ein Problem im Internet entdeckt, überlegt, ob es nicht in der Offline-Welt das gleiche Problem gibt. Wenn unerwünschte Werbung verboten werden soll, dann nicht nur im Internet, sondern überall. Denn Spam ist Spam, ob mit Tradition oder im Neuland. Und besonders, wenn dieser nicht nur die Nerven, sondern auch die Umwelt belastet. Positiver Nebeneffekt: Aus zwei Gesetzen wird eines. Und ja, ich finde es gut, einem Newsletter ausdrücklich zustimmen zu müssen. Ich fände es aber auch gut, wenn mich die Post fragen würde, ob ich das Flugblatt-Kuvert haben möchte. Opt-In eben. Wenn mir die Post gute Argumente für das Flugblatt vorlegt, werde ich es ja vielleicht wieder abonnieren. Aber dann willentlich und freiwillig.



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