Un-Google - warum ihr GMail nicht mehr verwenden solltet

Technik
von Gerhard Petermeir
Veröffentlicht am: 07.07.2021 17:06, zuletzt aktualisiert am: 08.07.2021 19:33

Un-Google - warum ihr GMail nicht mehr verwenden solltet

Es war einmal, vor einer langen Zeit. Google war ein Vorzeigeunternehmen. „Don't be evil“ war das inoffizielle Unternehmensmotto und stand sogar ganz offiziell im Verhaltenskodex. Doch aus dem rebellischen Unternehmen von Larry Page und Sergey Brin, welches kämpferisch gegen den Willen der mächtigen Verlagsindustrie alle Bücher der Welt digitalisiert hat und den Zugang zu Wissen zu einem universellen Recht machen wollte, wurde ganz einfach ein so richtiger typischer Konzern.

Nicht, dass daran etwas per se schlecht wäre. Konzerne dürfen sich innerhalb der Gesetze so gewinnoptimierend verhalten, wie sie nur möchten. Doch wir als Kunden müssen auch unsere Konsequenzen auf eine so drastisch geänderte Unternehmenskultur ziehen.

Spätestens seit der Abschaffung von „don't be evil“, der schleichenden Open-source-Abkehr durch die Hintertür von Android, dem Liebäugeln mit chinesische Zensur und dem gleichzeitigen zensieren der eigenen Mitarbeiter, sollte man sich als Kunde Gedanken über Google machen.

Dem „Guten Google“ habe ich noch im Glauben an eine bessere Welt mit mehr Wissen und freiem Zugang zu Information gerne meine Daten überlassen. Eine solche Mission benötigt auch Kapital, da werde ich doch gerne zum gläsernen Kunden. Das heutige „Böse Google“ hat mich allerdings mit Bequemlichkeit und Gewohnheit gefangen und dabei schön langsam einige Grenzen überschritten. Meine erste Konsequenz daraus ist die Abkehr von Google Mail.

Warum sollte man GMail NICHT mehr verwenden

GMail liest mit

Seit einigen Jahren befindet sich im Posteingang auch Werbung. Diese Werbung wird zielgerichtet ausgeliefert. Dafür werden die eigenen E-Mails von den Google-Servern mitgelesen um dadurch personalisierte Werbung auszuliefern. Man stelle sich vor, die Post würde eure Briefe lesen, damit sie euch personalisierte Flugblätter zustellen kann. Das wäre inakzeptabel. Das sollte auch für Google gelten.

Gmail liest mit

Nein, die Platte ist nicht hängen geblieben. Aber der Punkt ist so wichtig, dass es noch mal erwähnt werden muss. GMail liest auch Einladungen zu Meetings, Flugtickets, Rechnungen als PDF Anhang und diverse andere kategorisierbare Daten mit und füttert den eigenen Google Assistant damit. Der Assistant kann dann zwar bequeme Erinnerungen anbieten, wie „Ihr Paket kommt morgen an“ oder „Ihre Rechnung ist in 5 Tagen fällig“ oder „Vergessen Sie nicht die Koffer zu packen, morgen fliegen Sie nach Fuerteventura“. Aber ganz ehrlich, möchte ich dass Google meinen gesamten Lebensablauf kennt? Nicht nur dass Sie Zugriff auf die Daten haben, sie lesen die Daten tatsächlich explizit mit und verarbeiten sie dann auch noch zum Zwecke einer noch optimierteren Werbung. Das alles, damit ein noch höherer Quartalsgewinn herauskommt. Irre, oder 😵?

Google schafft die Drittanbieter Cookies ab

Eigentlich eine gute Sache. Fast ein Grund zum Jubeln. Mit Drittanbieter Cookies lassen sich personenbezogene Werbeprofile erstellen. Google hat eigentlich Schluss mit diesen Cookies gemacht und wird Drittanbieter Cookies im eigenen Browser Chrome in Zukunft nicht mehr erlauben. Gut, oder? Nicht ganz. Mit einem Browser-Marktanteil von über 75% und einem Such-Marktanteil von über 90% hat Google nach Abschaffung dieser Cookies ein Quasi-Monopol auf personenbezogene Daten. Google Mail, die Google-Suche und der Chrome-Browser erstellen dann ein personenbezogenes Profil, halt ohne Drittanbieter-Cookies (das ganze hat Google dann „FLOC“ genannt). Die Konkurrenz, also andere Werbefirmen, haben natürlich keinen Zugriff auf diese Daten und gehen leer aus. Dafür hat Google sie alle. One Ring Search Engine To Rule Them All, hm 🤔?

GMail für Unternehmen: Ein NoGo 

Es gibt sie noch, die Kleinunternehmen, die keine professionelle E-Mail-Adresse besitzen. handwerkerXY@gmail.com, ist doch gut genug? Leider nicht. Neben weiteren Datenschutzaspekten, ist alleine das Mitlesen der E-Mails durch Google schon ein Datenschutzverstoß. Schickt ein Kunde ein E-Mail, kann und wird Google mitlesen. Der Unternehmer verstößt somit gegen die DSGVO (von der ich alles andere als ein Fan bin, aber zumindest hat sie die Datenschutzdiskussion vorangetrieben ...). 

Anmerkung die Bezahlversion Google Workspace lässt sich (vermutlich) datenschutzkonform betreiben.

Ich weiß, ich bin da etwas eigen. Ich trage auch keine Kleidung, die in riesengroßen Lettern die Marke drauf stehen hat. Ich bin ja kein wandelndes Werbeplakat. Das gilt für mich auch online. Warum sollte ich einem amerikanischen Konzern alles mitlesen lassen, was ich in meinem Leben digitalen Leben so tue. Nur damit dieser Unsummen an Geld verdienen kann und das zu Kosten meiner eigenen Privatsphähre? Es ist an der Zeit umzusteigen.

Alternativen zu Google Mail

Eine datenschutzsichere, privatsphäreorientierte Alternative gehört her. Am besten aus Europa. Ich habe mich für den schweizer Anbieter ProtonMail entschieden. Warum? Bei ProtonMail werden alle E-Mails auf dem Server verschlüsselt. Damit hat ProtonMail so gut wie keine Möglichkeit, die E-Mail zu scannen oder zu analysieren. Sobald eine E-Mail eingeht, wird sie verschlüsselt und ebenso verschlüsselt gespeichert. Werden E-Mails von ProtonMail zu ProtonMail oder einer Adresse mit aktiviertem PGP gesendet, besteht überhaupt keine Möglichkeit, dass jemand mitliest. Kein automatisches Scannen der Nachrichten. Kein „IA-unterstütztes“ Assistenzsystem. Keine personalisierte Werbung auf Basis deiner persönlichen E-Mails.

Auch der Import von GMail und anderen Diensten ist denkbar einfach. In den Einstellungen findet sich ein Tutorial mit Bildern mit den notwendigen Einstellungen und Schritten. Es können automatisch alle E-Mails inklusive der entsprechenden Labels von Gmail importiert werden. Innerhalb weniger Minuten ist man startklar.

ProtonMail Import

Einziger Nachteil, das kostenlose Paket beinhaltet gerade mal 500 MB Speicherplatz. Für viele genug. Für einige viel zu wenig. Bei dieser begrenzten Menge, muss man tatsächlich hin und wieder kontrollieren, ob das Postfach voll ist. Ab 4 € im Monat (bei jährlicher Zahlung) gibt es dann 5GB Speicherplatz und die Möglichkeit, eine eigene Domain zu verwenden. Ob einem das wert ist, muss jeder individuell entscheiden. Ich sage es aber mal umgekehrt, Google verdient sicherlich mehr als 48 € an deinen Userdaten im Jahr. Wenn das Produkt kostenlos ist, ist der Kunde das Produkt.

Auch fehlt meines Wissens nach der Virenschutz bei Anhängen komplett. Schließlich kann der Anbieter die verschlüsselten E-Mails ja nicht scannen. Es bedarf also etwas mehr Aufmerksamkeit für verdächtige Anhänge. Es sollten aber allgemein nur erwartete E-Mails von glaubwürdigen und bekannten Absendern heruntergeladen werden.

Erwähnenswerte Alternativen 

Auch Tutanota bietet einen ähnlichen Service an. Allerdings habe ich keine Erfahrung damit.

Eine Übersicht über weitere privatsphäreorientierte Anbieter hat der bekannte Linux Blogger itsfoss veröffentlicht.

Ebenfalls bleibt die Möglichkeit, die E-Mail Funktionen bei einem Hosting Provider wie Hetzner zu verwenden. Allerdings benötigt man hierfür eine eigene Domain sowie etwas mehr technisches Wissen. Außerdem sind meist die Webmail Clients bei Hosting Providern nicht wahnsinnig modern gestaltet. Von lokalen Installationen wie Outlook oder Thunderbird rate ich in diesem Zusammenhang aus Virenschutz Gründen jedenfalls ab.



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